Prof. Dr. Stephan Kleemann
Abschied und Aufbruch

01.10.2021 Er nimmt Abschied aus dem Lehrbetrieb und blickt in die Zeit danach als Vorstand des An-Institutes IVP "Institut für Verfahrenstechnik Papier". Wir haben uns daher entschlossen, dass er seine Sichtweise persönlich vermittelt.

Prof. Dr. Stephan Kleemann
© Foto: IVP
Prof. Dr. Stephan Kleemann

Der Titel weist in die Zukunft, um den folgenden Zeilen den Geschmack eines Nachrufes ganz bewusst zu nehmen.

Nach mehr als 68 Semestern Tätigkeit an der Hochschule München, kennen mich viele Leser entweder noch aus der Zeit ihres Studiums oder vom Besuch unserer Münchner Papierseminare und des seit 30 Jahren organisierten IMPS „Internationalen Münchner Papiersymposiums“.

Im Spätsommer 1987 begann die Laufbahn als Professor an die damalige Fachhochschule München. Obwohl die absoluten Gründerjahre der Fachhochschule schon 16 Jahre zurück lagen, war es doch rückblickend eine wilde Zeit mit viel Potential zum Ausbau. Die Vorlesungsskripte wurden überwiegend noch per Schreibmaschine auf Matrizen geschrieben, Overhead war der große technische Fortschritt und der gesamte Telefonverkehr wurde über eine Person in der Telefonzentrale vermittelt. Im Papierlabor gab es einen halbwegs funktionierenden Blattbildner, ein Aufschlaggerät, einen Holländer und eine Jokromühle sowie einige ältere Prüfgeräte. Viel mehr war es nicht.

 

Heute steht die Hochschule München, ehemals Fachhochschule München, dagegen glänzend ausgerüstet da. Es ist müßig hier alle Geräte aufzählen zu wollen, schon allein die sechs modernen Blattbildner, drei Streichmaschinen und die mit einer Siemens PCS7 Steuerung versehene Papiermaschine geben einen Hinweis auf die hervorragende Ausrüstung. Dies alles konnte dank des großen finanziellen Engagements der Arbeitgeberverbände der Deutschen Papierindustrie, dank mehrerer großer Spenden und dank des An-Institutes IVP in über 30 Jahren aufgebaut werden. Die finanziellen Mittel des Staates reichen noch immer nur für eine bescheidene Sicherstellung der Lehre. Ein attraktives Studium mit aktueller Ausrüstung, aber auch mit größeren Exkursionen, ist damit leider nicht umsetzbar.

 

Dass sich mein beruflicher Werdegang eines Tages speziell mit Fragen der Chemischen Verfahrenstechnik der Papierherstellung befassen würde, war zuerst nicht absehbar. Nach dem Chemiestudium und der Promotion ging es mit 25 Jahren für zwei Jahre mit einem fürstlichen Nato-Stipendium als Post-doc zur bioanorganischen Forschung an die Harvard Universität in USA, bevor das industrielle Berufsleben bei BK-Ladenburg, einem Tochterunternehmen der damaligen Hoechst AG, als Forscher im Bereich der Papierchemikalien begann. Während meiner industriellen Tätigkeit gab es glücklicherweise raschen Erfolg und damit einhergehend kam es zu leitenden Funktionen in den Papieranwendungslaboratorien, dem Stabsbüro und der F&E Abteilung. Danach folgte, mit gerade noch 31 Jahren, der Ruf auf eine Professorenstelle im Bereich der Papiertechnik an der Hochschule München. Neben der Lehre und Forschung war dies zugleich rund drei Jahrzehnte mit der Funktion als Studienfachberater und Praktikantenbetreuer verbunden sowie seit 2004 mit der Leitung der beiden englischsprachigen Master Programme „M. Eng. in Paper Technology“.


Mit dem Zellcheming-Verein gibt es eine jahrzehntelange Verbindung über die Mitgliedschaft im Hauptausschuss und in mehreren Fachausschüssen sowie die Tätigkeit als langjähriger Obmann und Gründungsmitglied im Fachausschuss „Chemische Additive“. Die Verleihung der Hans-Clemm-Denkmünze des Zellcheming-Vereins in 2004 war für mich eine besondere Ehre.

 

Wenn man über 34 Jahre lang an der Ausbildung von gut der Hälfte aller deutschsprachigen männlichen und weiblichen Papieringenieur:innen mitgewirkt hat, ist man Teil eines großen Netzwerkes geworden. Es war stets eine besondere Gnade und Freude, in einer so überschaubaren Industrie menschlich so viele positive Erinnerungen sammeln zu dürfen und auch immer wieder mal eine Hilfestellung leisten zu können.

 

Besonders ans Herz gewachsen ist mir dabei das bereits 1988 gegründete An-Institut der Hochschule München, IVP „Institut für Verfahrenstechnik Papier“, mit dessen Leitung meine beruflichen Aktivitäten weiterhin verbunden sind und welches es mir erlaubt, weiterhin zu forschen, Untersuchungen und Industrieaufträge durchzuführen sowie Doktoranden mit zu betreuen. In diesem Sinne hoffe ich noch auf viele weitere interessante Ergebnisse und schöne Begegnungen bei der Lösung der großen Fragen unserer Branche – Reduzierung des Primärenergieverbrauchs und CO­2-Ausstoßes, ökologisches Wasserhandling, Sicherung der primären und sekundären Faserrohstoffe, Prozessstabilisierung und -optimierung mit Hilfe neuer Sensoren und Digitalisierung. Ein ganz wichtiges Problem sollte dabei nicht übersehen werden: der bereits spürbare gewaltige Mangel an fachlich gut ausgebildeten Mitarbeiter:innen für unsere Branche.


Persönlich sehr schön ist es zu sehen, dass die Berufungen der letzten Jahre zu einem hervorragenden jungen neuen Kollegium im Bereich der Biofasern und Papiertechnik geführt haben. Insgesamt besteht das Kollegium aus zehn Professoren mit einer Professorin, darunter allein drei Personen mit einem Studium und Promotion auf dem Gebiet der Papiertechnik. Nirgends sonst auf der Welt ist mir ein vergleichbar großes Professorenkollegium mit so viel eigener Industrieerfahrung in unserem Bereich bekannt. Aber, wo gibt es auch sonst noch einen Studiengang, der über 30 Jahre lang für alle Absolventen und Absolventinnen interessante Jobangebote bieten konnte und wohl auch weiterhin bieten wird?

Bitte bringen Sie unserer Ausbildung weiterhin Ihr Vertrauen und Ihre fachliche und finanzielle Unterstützung entgegen. Das Kollegium und ich freuen uns darauf, auch in Zukunft die bekannten Münchner Absolventen unserer Industrie für Sie begleiten und ausbilden zu dürfen.

(Stephan Kleemann)
kleemann@ivp.org

 

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