Etiketten migrationsarm machen

15.11.2016 Migrationsarmes Haftmaterial, das auf Rollen gefertigte Vorprodukt für Etiketten, liefert Herma an Etikettendrucker und -hersteller in ganz Europa

Dass Bestandteile von Druckfarben durch Verpackungsmaterialien wandern können, hat die Lebensmittelindustrie aufgeschreckt. Doch wie sieht es mit Etiketten bzw. deren Haftkleber aus? Welche Bedeutung hat die Migration von Stoffen in diesem Zusammenhang? Und welche Möglichkeiten gibt es, auch hier die Migration wirksam zu verringern? Dr. Ulli Nägele, Leiter Entwicklung und Anwendungstechnik bei Herma, gibt Antworten auf aktuelle Fragen.

WfP: Wo kommen überhaupt Etiketten in Kontakt mit Lebensmitteln?
Dr. Ulli Nägele: Das kommt – zumindest mittelbar – öfter vor, als man zunächst meint. Denn Papier, folienkaschiertes Papier und Standardfolien, selbst dünne PET-Flaschen sind keine ausreichende Barriere gegenüber Stoffen von außen. Dazu kommt, dass Etiketten oftmals nicht nur Kennzeichnungs- und Informationsaufgaben übernehmen, sondern auch eine Verschlussfunktion haben. Denken Sie zum Beispiel an die typischen Camembert-Verpackungen oder Ähnliches. Es macht also durchaus Sinn, migrationsarme Etiketten zu entwickeln und einzusetzen.

WfP: Angestoßen wurde das Thema ja vor allem durch die Diskussion um die UV-Druckfarben. Allmählich rücken aber auch Etiketten bzw. die Haftkleber in den Fokus. Welches der beiden Themen hat die größere Bedeutung?
Dr. Nägele: Dass vor allem UV-Druckfarben in der Diskussion standen, hat seine Berechtigung. 2009 hat man bei Untersuchungen zum Beispiel Fotoinitiatoren in Lebensmitteln gefunden, die offenbar auf die verwendeten UV-Druckfarben zurück gingen. Und Fotoinitiatoren gelten gesundheitlich zumindest als bedenklich, in einigen Fällen auch als gefährlich. Die Hersteller von Druckfarben haben inzwischen entsprechend reagiert mit migrationsärmeren Produkten. Die Lebensmittelbranche ist dadurch natürlich vorsichtig geworden und erkundigt sich nun auch zunehmend bei den Etikettendruckereien hinsichtlich der Etiketten bzw. deren Haftkleber. Geprüfte Haftklebstoffe enthalten jedoch keine toxischen oder bedenklichen Stoffe. Deshalb hat das Thema Etiketten in diesem Zusammenhang grundsätzlich eine viel geringere Bedeutung. Aber die Hersteller von Lebensmitteln wünschen sich natürlich trotzdem, dass so wenige Stoffe wie möglich migrieren. Dabei wollen wir als Haftmaterialhersteller unsere Kunden gerne unterstützen.

WfP: Werden Sie bereits aktiv auf das Thema angesprochen?
Dr. Nägele: Wir werden nicht nur auf das Thema allgemein angesprochen, wir werden auch immer häufiger ganz konkret nach migrationsarmen Produkten gefragt. Außerdem bittet man uns jetzt öfter, grundlegende Vorträge zu diesem Thema zu halten, manchmal nur auf kleinen firmeneigenen Veranstaltungen, manchmal auf größeren Symposien. Es gibt einfach ein wachsendes Bedürfnis danach, mehr über dieses Thema zu erfahren, besser informiert zu sein und auch entsprechend handeln zu können.

WfP: Wie sieht der gesetzliche Rahmen in dieser Hinsicht für Etiketten aus?
Dr. Nägele: Rahmenbedingung ist die EU-Verordnung EC 1935/2004. Sie behandelt Verpackungsmaterialien, die mit Lebensmitteln in Berührung kommen. Danach dürfen Verpackungsmaterialien zum Beispiel „auf keinen Fall Bestandteile auf Lebensmittel in Mengen abgeben, die geeignet sind, die menschliche Gesundheit zu gefährden“. Konkrete Grenzwerte werden dort allerdings nicht festgelegt. Häufig wird auch die Kunststoffrichtlinie 2002/72 EC mit den Grenzwerten für die Gesamtmigration herangezogen. Dort werden Kunststoffe im Lebensmittelkontakt geregelt. Für Etiketten selbst gibt es keine spezielle Regulierung. Aber Prüfinstitute wie die ISEGA prüfen Etiketten auf entsprechende Konformität sowohl mit diesen beiden EU-Vorgaben als auch mit den § 30 und 31 des Lebensmittel-, Bedarfsgegenstände- und Futtermittelgesetzbuchs.

WfP: Was bedeutet dann eine Zertifizierung wie zum Beispiel von der ISEGA oder anderen Prüfinstituten?
Dr. Nägele: Mit einer Unbedenklichkeitserklärung der ISEGA können die Klebstoffe unbedenklich zur Rückseitenbeschichtung verwendet werden. Die Klebstoffschicht der geprüften Etiketten darf als Minimum in direktem Kontakt mit trockenen und feuchten Lebensmitteln stehen. Mittlerweile besitzen zum Beispiel nahezu alle Herma Standardhaftklebstoffe die ISEGA-Unbedenklichkeitserklärung. Die ISEGA-Zertifizierung ist jeweils zwei Jahr gültig und wird dann erneuert.

WfP: Wie gehen die entsprechenden Prüfinstitute dabei vor?
Dr. Nägele: Das Prüfinstitut erhält eine Liste mit allen Bestandteilen des zu prüfenden Haftklebers. Diese wird zum Beispiel abgeglichen mit der Positivliste des Bundesamtes für Risikobewertung oder mit einer entsprechenden Liste der amerikanischen FDA. Sind alle Bestandteile dort aufgeführt, gelten also alle als unbedenklich, wird in aufwändigen Tests die Gesamtmenge an migrierenden Stoffen ermittelt. Wenn diese Menge unter 24 Milligramm pro Quadratdezimeter liegt, spricht man vom Korrekturfaktor 2, bei weniger als 36 Milligramm von Korrekturfaktor 3 und so weiter. Liegt die Gesamtmenge der migrierenden Stoffe über 60 Milligramm pro Quadratdezimeter, ist der Kontakt zu fettigen Lebensmitteln nicht erlaubt. Toxische Stoffe dürfen natürlich überhaupt nicht migrieren. Sind toxikologisch bedenkliche Stoffe enthalten, dann gibt es nicht einmal eine Zulassung für den indirekten Kontakt zu Lebensmitteln.

Lesen Sie den ausführlichen Artikel im Wochenblatt für Papierfabrikation, Ausgabe 05/2013 ab Seite 316.
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