Bericht vom 12. Deutschen Verpackungskongress
Strategie, Best Practice und neue Impulse

Montag, 10. April 2017 Mehr als 120 Führungskräften von rund 100 Unternehmen hatten sich am 23./24. März zum 12. Deutschen Verpackungskongress in Berlin eingefunden.

Blick in das Auditorium beim Deutschen Verpackungskongress 2017
© Foto: dvk
Blick in das Auditorium beim Deutschen Verpackungskongress 2017
Die Vorträge des Netzwerk- und Branchengipfels thematisierten Investitionsentscheidungen und Werkneubau, Transformation durch Innovation und Services, den Paradigmenwechsel vom Verkaufen zum „Kaufen helfen“, die Neuausrichtung vom Produktfokus zum „Kundenversteher-Prinzip“, Compliance für den Mittelstand, Entwicklungen und Trends beim Standbodenbeutel, Zukunfts-Management für Menschen und Unternehmen und - nicht zuletzt - wie die Verpackung das scheinbar uninnovativste Produkt der Welt zum Erfolg führt.

Neue Wege für Unternehmen

Was kann man mit 80 Millionen Euro machen? Zum Beispiel „Europas modernste Faltschachtelfabrik“ bauen. Von dieser Erfahrung berichtete Klaus Madsen, Managing Director der Schur Pack Germany GmbH. Die dänische, familiengeführte Verpackungs-Holding Schur hatte bei dem futuristisch wirkenden Bau vor allem auf einen „optimierten Materialfluss und einen sehr niedrigen Carbon Footprint“ geachtet, so Madsen. Auch die Zahl der benötigten Arbeitskräfte konnte im Vergleich zum alten Werk deutlich gesenkt werden. Ein entscheidender Grund für die Standortwahl im Mecklenburgischen Gallin war nach Aussage des Managing Director die flexible und unbürokratische Unterstützung durch das Land Mecklenburg Vorpommern gewesen.

Martin Gercke, Vice President Technical Customer Service bei Stora Enso, stellte im Anschluss die Transformation des finnisch-schwedischen Papier- & Kartonproduzenten zu einer „renewable materials company“ vor. 1288 im Bereich Kupferbergbau gegründeten, produziert das Unternehmen heute aus dem Rohstoff Holz eine ganze Reihe innovativer Materialien für unterschiedlichste Anwendungen, vom Einsatz mikrofibrillierter Zellulose (MFC) beim Flüssigkarton über Stoffe aus Hemicellulose und Lignin für den Einsatz z.B. bei Bekleidung sowie Haus- und Fahrzeugbau.
Interessierte Nachfragen gab es vor allem zu den „Idea Cafés“ von Stora Enso. Diese monatlichen, 20minütigen, offenen Meetings geben jedem Mitarbeiter die Möglichkeit, neue Ideen zu präsentieren.  Auch wenn es nach Gerckes Einschätzung noch zu lange dauert, bis aus Ideen konkrete Projekte werden, haben sich die „Idea Cafés“ schon jetzt als wertvolle Quelle für Innovation bewiesen. Im Ideen-Management des Unternehmens geht dabei keine Idee verloren. Was nicht umsetzbar erscheint, wird katalogisiert und für eine eventuelle, zukünftige Nutzung vorgehalten.

Neue Wege im Vertrieb

Einen viel beachteten Einblick in grundlegende Fehler beim Verkauf und die Tücken des Vertriebstrainings sowie nachhaltige Rezepte für eine Optimierung gab Dr. Edgar Müller-Gensert, Sales Performance Practice Leader beim FranklinCovey Leadership Institut. Vorgestellt wurden u.a. Maßnahmen für eine klar gemanagte Pipeline mit definierten Zielkunden und effiziente Schulungswege, die nachhaltig wirken und hohen Fluktuation der Mitarbeiter entgegenwirken. Im Zentrum des Konzepts steht für Müller-Gensert der „Trusted Advisor“, dessen Fokus nicht mehr auf dem Verkaufen liegt, sondern darauf, den Kunden bei seinem Kauf zu unterstützen und ihn damit zum Erfolg zu verhelfen. In seinem Workshop am zweiten Kongresstag konnten sich die Kongressteilnehmer im Detail informieren und konkrete Tools abholen.

Bunt und mehrstimmig wurde es beim Vortrag von Hans-Christian Eßer, Verkaufsleitung, und Roberto di Marco, Leitung Vertriebsinnendienst, der Antalis Verpackungen GmbH. Unter dem Motto „We pack you – darf es etwas persönlicher sein?“ zeigten Eßer und di Marco, Antalis als Unternehmen mit „polarisierender Positionierung für Partner, Lieferanten und Kunden“, das vom „Produktfokus zum Kundenversteher-Prinzip“ gewechselt ist. Beispielhaft für diese Philosophie, die nicht „B2B oder B2C“ in den Fokus stelle, sondern H2H (Human to Human), präsentierten Eßer und di Marco den jüngsten FachPack-Messeauftritt, der gänzlich ohne Exponate auskam.

Exkurs: Compliance

Einen Exkurs zum Thema Compliance im Mittelstand nahm der Kongress mit dem Vortrag von Dr. Martin Schmidt, Partner bei Reimers Schmidt Rechtsanwälte. Schmidt zeigte auf, warum Compliance auch für KMU ein wichtiges Thema ist, das bei Nichtbeachtung sehr teuer werden kann. Beratungsbedarf bestünde vor allem auch im Bereich der „kontraintuitiven“ Themen. Formulierungen in Kundenschutzvereinbarungen von Subunternehmerverträgen oder Regularien im Personalbereich können laut Schmidt teure Fallstricke bergen. In seinem Workshop am zweiten Veranstaltungstag gab der Rechtsanwalt konkrete Hilfen und Tools zur Implementierung eines effizienten Compliance-Managementsystems.

Neue Wege in der Verpackungsentwicklung
Ist Reis das uninnovativste Produkt der Welt? Eine Frage, die am Anfang der Reishunger GmbH stand, deren Werdegang Geschäftsführer und Inhaber Dipl. Wi.-Ing. Sohrab Mohammad vorstellte. Auf jeden Fall stellt Reis für Mohammad das in Form, Farbe und Geschmack vielfältigste Grundnahrungsmittel dar. Reishunger sieht der Gründer vor allem als Brand und erst in zweiter Linie als Onlineshop für Reis. Im Zentrum des Erfolgsrezepts stand von Anfang an die Verpackung, die frühzeitig und klar als Startpunkt aller weiteren Entwicklungen verankert wurde. Der ebenso schlicht wie auffällig gestaltete Papierbeutel dient als Impulsgeber. Er provoziert Erstkontakt, motiviert zum Erstkauf und ist danach für die Kundenbindung verantwortlich. Ein Erfolg mit 0 Euro Marketingbudget, wie Mohammad hervorhob.

Der Standbodenbeutel gestern – heute – morgen. Henno Hensen, Geschäftsführer und Inhaber von Hensen Consult nahm seinen Vortragstitel beim Wort und warf einen ebenso detailreichen wie tiefgehenden Blick auf den Doypack. Chancen und neue Möglichkeiten für den Standbodenbeutel sieht Hensen zum Beispiel durch die optimierte Handhabbarkeit für Konsumenten und konveniente Verschlüsse mit funktionaler Barrierewirkung. Neue Chancen eröffneten sich aber auch über das neue HPP Verfahren (High Pressure Preservation) für Lebensmittel oder durch die perfekten, dichten und kleinen Schweißnähte der Ultraschall-Maschinentechnologie. Auch in ökologischer Hinsicht kann der Doypack nach Hensens Meinung punkten. Als „Monomaterial-Standbeutel“ mit einer Barriere aus Polypropylen auf Polyolefin-Basis wird die neuartige Verbundfolie werkstofflich recycelbar.

Glänzende Zukunft
Den Schlussstein der Vortragsreihe bildete der ebenso unterhaltsame wie spannende Vortrag zum Thema Zukunfts-Management von Dr. Pero Mićić, Vorstand der FutureManagementGroup. Der „Zukunftsmanager unter den Zukunftsexperten“ zeigte anschaulich typische Fallstricke, gängige Fehler und scheinbare Grenzen des Menschen im Umgang mit seiner Zukunft auf. Was gleichermaßen für den Privatmenschen wie für den Unternehmenslenker gilt: „Erst wenn man Zukunftswissen in früh erkannte Chancen in Zukunftsmärkten und solide Zukunftsstrategien umsetzen kann, hat man wirklich etwas davon. Zukunftswissen ist nur dann relevant, wenn es in der Gegenwart einen Nutzen bietet, weil man etwas besser entscheidet, einschätzt oder tut.“ Vom Zeitverständnis der Jäger und Sammler über die oft unbekannte Rolle des Dopamin und die herausfordernde Geschwindigkeit der digitalen Transformation bis hin zur Zukunftsbrille in fünf Farben: Pero Mićić sezierte die Zukunft und unseren Zukunftsmanagement mit großem Vergnügen und hohem Nutzwert für die Kongressteilnehmer.

Über das Deutsche Verpackungsinstitut
Das Deutsche Verpackungsinstitut e.V. (dvi) ist das einzige Netzwerk der Verpackungswirtschaft, das Unternehmen aus allen Stufen der Wertschöpfungskette als Mitglieder vereint. Aus seinem Umfeld nimmt das Netzwerk Impulse auf und gibt auch selbst immer wieder wichtige Impulse ab.
Zahlreiche Initiativen machen das dvi aus. Neben dem Deutschen Verpackungspreis zählen dazu der Deutsche Verpackungskongress, die Dresdner Verpackungstagung, die Verpackungsakademie und PackVision.
www.verpackung.org

Über den Deutschen Verpackungskongress
Der Deutsche Verpackungskongress ist das Treffen der Verpackungswirtschaft. Er führt Entwickler und Anbieter von Verpackung und Verpackungstechnik sowie Nutzer – hier insbesondere die Konsumgüterindustrie mit ihren Markenartikelherstellern – zusammen. Hochwertige Informationen, wegweisende Innovationen und entscheidende Insights machen den Verpackungskongress zu einem wichtigen Impulsgeber für die Branche. Im Mittepunkt steht dabei das große Ganze, weniger das technische Detail.


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