Scheufelen
Produktion vorübergehend eingestellt

28.03.2018 Die Situation bei der traditionsreichen Papierfabrik Scheufelen in Oberlenningen spitzt sich zu. Mit Insolvenzeröffnung am 01.04.2018 muss die überwiegende Zahl der Mitarbeiter zunächst freigestellt werden und ab April 2018 Arbeitslosengeld beziehen.

Scheufelen Graspapier steht für die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens
© Foto: Scheufelen
Scheufelen Graspapier steht für die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens
Der vorläufige Insolvenzverwalter, Rechtsanwalt Tibor Braun aus Stuttgart, hat die Belegschaft am Freitagnachmittag hierüber in einer Belegschaftsversammlung informiert, an der auch Vertreter der Arbeitsverwaltung und der Gewerkschaft (IGBCE) teilgenommen haben. Derzeit beschäftigt Scheufelen 340 Mitarbeiter.

Wegen massiv gestiegener Rohstoffpreise und gleichzeitigem Margenverfall bei gestrichenen Papieren musste Scheufelen, fast gleichzeitig mit der Traditionsfabrik Feldmühle in Uetersen, Ende Januar 2018 einen Insolvenzantrag stellen. Bereits seit Ende 2016 hatte Scheufelen versucht, dem negativen Trend entgegenzuwirken und mit Erfolg und viel Aufwand die Entwicklung von bedruckbarem Graspapier vorangetrieben, um sich insbesondere dem Preisdruck bei der Zellstoffversorgung entziehen zu können.

Graspapier zeichnet sich neben der regionalen Herkunft des Rohstoffs und der günstigen Kostensituation auch dadurch aus, dass im Vergleich zur Zellstoffaufbereitung bei der Grasfaserstoffherstellung keine Chemikalien eingesetzt werden, sowie über 3.000 Liter Wasser und ca. 3.000 KW/h Energie eingespart werden. Dadurch lassen sich pro Tonne Papier ca. 1,8 Tonnen an Co2-Emissionen einsparen. Gras ist zudem ein extrem schnell nachwachsender Rohstoff, bei dem der Co2 Ausgleich innerhalb von Monaten statt von Jahren wie beim Holz stattfindet. Das ist überall dort, wo in der Verpackung Frischfaserpapiere eingesetzt werden, wie zum Beispiel bei Fast Food oder Lebensmittelverpackungen ein fundamentaler ökologischer Vorteil.

„Auf der Zielgeraden ist uns das Geld ausgegangen“, so der Geschäftsführer des Unternehmens, Stefan Radlmayr. „Das ist angesichts des riesigen Kundeninteresses schon sehr schade. Scheufelen ist derzeit der einzige Hersteller, der das zu 50 % aus Gras und 50 % aus Zellstoff hergestellte Papier in industriellem Maßstab offsetdruckfähig herstellen kann und damit den hohen Anforderungen der Verpackungsindustrie gerecht wird.“

Die Hoffnung von Geschäftsleitung und vorläufigem Insolvenzverwalter, dass insbesondere namhafte Wettbewerber diesen Entwicklungsvorsprung für sich nutzen könnten und Scheufelen übernehmen, hat sich bislang noch nicht realisiert. „Man gewinnt den Eindruck, dass die Branche und die Zellstoffindustrie dieser nachhaltigen und disruptiven Technologie nicht zum Erfolg verhelfen wollen“ so Braun. Verständlich, denn das Graspapier würde deren Konzepte nachhaltig negativ tangieren.

Auch die erheblichen politischen Bemühungen im Bund und insbesondere im Land, bei der Investorensuche zu unterstützen, sind bislang erfolglos. „Geldtöpfe lassen sich erst öffnen, wenn der Investor an Bord ist“, so Braun weiter. „In der jetzigen Situation hilft den Mitarbeitern und dem Unternehmen aber niemand. Wir sind leider keine Fluglinie“, fügt Braun an.

Mit Hilfe eines Massedarlehens in Höhe von € 3 Millionen und weil die Löhne und Gehälter der Mitarbeiter über Insolvenzgeld von der Agentur für Arbeit bezahlt wurden, war es dem vorläufigen Insolvenzverwalter und der Geschäftsleitung nach Insolvenzantragstellung zunächst gelungen, die Produktion wieder aufzunehmen und bis heute fortzuführen. Gestützt wurden die Bemühungen von Kundenseite. Insbesondere der wichtige Vertriebspartner IGEPA-Group, für den das gestrichene hochweiße Feinstpapier heaven 42 gefertigt wird, hat das Unternehmen nennenswert mit Aufträgen ausgelastet.

„Im eröffneten Insolvenzverfahren dürfen aber keine Verluste zu Lasten der Gläubiger erwirtschaftet werden,“ so der Insolvenzverwalter. „Wir waren deshalb gezwungen, eine Entscheidung zu treffen und zumindest vorübergehend die Papierproduktion bei Scheufelen einzustellen“.

Man will sich im Lenninger Tal aber noch nicht geschlagen geben. „Noch gibt es Verhandlungspartner und so lange Gespräche geführt werden, geben wir nicht auf, deshalb werden die Mitarbeiter auch nur freigestellt und nicht gekündigt“, sagt Geschäftsführer Stefan Radlmayr. „Es ist zum Haare raufen: Namhafte Kunden für Graspapier insbesondere aus der Lebensmittelbranche stehen Schlange, erwarten aber vor der Umstellung der Verpackungen die Investorenlösung,“ meint der Insolvenzverwalter Braun. „25.000 bis 30.000 Tonnen Graspapier im ersten Jahr könnten aus dem Stand heraus abgesetzt werden und auf der Investorenseite wird gezögert.“

Zeitlich unbegrenzt kann allerdings nicht verhandelt werden. „Bis Ende April brauchen wir die Lösung“, so der Insolvenzverwalter.

www.scheufelen.com

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